Anno 1893 - Zitate der Zeitung "Neckar-Glocke"

 

17. Beitrag August 1893 

Die Neckarglocke berichtet von einem Justizirrtum in Paris, jedoch der Ton lässt vermuten, dass 1893 der Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ noch nicht bekannt war:

„Aus Paris berichtet man: Im Jahre 1877 stand in Rouen Pauline Bruaur unter Anklage, den Gatten und Schwager vergiftet zu haben. Der Befund konnte die Natur der Vergiftung nicht genau feststellen, aber da die Angeklagte einen ungeregelten Lebenswandel führte, nahmen die Geschworenen an, dass sie sich jeder Aufsicht entledigen wollte und verurteilten sie zu lebenslänglichem Kerker. Die Bruaur hatte nie aufgehört, ihre Unschuld zu beteuern. Jetzt erst und nachdem noch zwei weitere Todesfälle im Haus vorkamen, ergibt sich, dass die Vergiftungen durch Eindringen von Gasen aus einem benachbartem Kalkofen erfolgten. Die Bruaur wird morgen nach sechszehnjähriger Zuchthaushaft freigelassen. Die Schuldlose erhält gesetzlich keinerlei Entschädigung.“

 Im Anzeigenteil der Neckarglocke findet sich folgende kuriose Annonce:

„Diejenige Person, welche meine neue Gießkanne vom Bierkeller geholt und seine alte an den Platz gestellt, ersuche ich dringend, meine sofort wieder an den Platz zu stellen, andernfalls ich Klage erheben werde, da die Person schon bekannt ist – Chr.Schiedt, Bierbrauer“

16. Beitrag August 1893 

„Ludwigsburg, 3. Aug. Die bürgerlichen Kollegien habe beschlossen, den Normalgehalt eines Schutzmanns vom 1. Juli 1893 an von 900 Mark auf jährlich 1 000 Mark zu erhöhen unter Belassung der seitherigen Nebenbezüge und insbesondere auch der bestehenden Alterszulagen.“ 

„Untergriesbach, 7. Aug. Seltsames Schicksal. Gestern schlug der Blitz in die Kapelle des Dorfes Rampersdorf und tötete die darin sich aufhaltende 19jährige Bauerstochter Donaubauer ohne die Kapelle selbst weiter zu beschädigen. Vor zwei Jahren wurden dem Donaubauer durch den Blitz zwei Ochsen erschlagen, ohne gezündet zu haben, woraufhin Donaubauer die Kapelle bauen ließ, in welcher seine Tochter nun den Tod fand.

15.Beitrag August 1893 

„Aus Rom wird berichtet: Ein zehnjähriges Mädchen ging nach der Arbeitsstelle seines Vaters, um ihm das Essen zu bringen. Über die Margheritabrücke kommend, kletterte es aus Spielerei auf das Geländer und versuchte darauf weiter zu gehen. Nach wenigen Schritten verlor es das Gleichgewicht und stürzte in den Tiber. Während die Menschen ratlos hin und her liefern und niemand sich zu einer rettenden Tat entschließen konnte, sprang ein starker Hund dem Kinde nach, fasste es an dem Kleide und zog es nach dem Ufer, wo es sich rasch wieder erholte. Diesen Hund hatte das Kind auf seinen Gängen zum Vater kennen gelernt und seine Zuneigung dadurch gewonnen, dass es dem schlecht gehaltenen Tiere jedesmal etwas zu fressen gab. Nun hatte der Hund seine Dankesschuld abgetragen.“

 „Durch Elektrizität hingerichtet sollte in New-York  im Staatsgefängnis zu Auborn ein Mann Namens William Taylor werden, welcher wegen Ermordung seines Mitgefangenen zum Tode verurteilt worden war. Der erste Kontrakt war nicht tödlich, und als ein zweiter Strom angesetzt werden sollte, versagte der Apparat. Taylor stöhnte und atmete schwer; die Ärzte gaben ihm Morphium, und erst nach einer Stunde Wartens konnte von dem City-Dynamo ein zweiter Strom hergestellt werden, welcher den Tod des Verurteilten herbeiführte. Das ist, wie der „Daily News“-Korrespondent hervorhebt, der erste Fall, dass der elektrische Apparat versagt hat“

14. Beitrag  Juli 1893

„Tuttlingen, 9. Juli. Ein hiesiger Landwirt entdeckte gestern auf seinem Kartolffelacker Insekten, die nach dem Urteil Sachverständiger zweifelsohne Larven des mit Recht gefürchteten Kolorado- oder Kartoffelkäfers sein sollen. Einige dem Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins übergebene Exemplare wurden sofort and die k. Zentralstelle für die Landwirtschaft eingesandt. Auf die Ansicht dieser Behörde ist man natürlich sehr gespannt.“

 „Ein chinesisches Wunderkind. Zu China ist ein Wunderkind aufgetaucht. Es ist ein vier Jahre alter Knabe, welcher sich zur Prüfung in Hong-Kong als Kandidat gemeldet hat. Der Planyu Shehsien hat persönlich den kleinen Gelehrten geprüft und gefunden, dass er einen Aufsatz über das ihm gegebenen Thema verfassen kann, wenn auch die Handschrift die Züge eines Kindes verrät.“

13. Beitrag  Juni 1893

Die Dürre, über die schon wochenlang berichtet wird, führt zu immer größeren Tragödien.

Die „Neckarglocke“ berichtet:

„Bamberg 10. Juni. In kurzer Zeit haben sich drei Bauern aufgehängt, da sie durch die herrschende Futternot den Untergang ihres ganzen Hausstandes befürchteten und geistesgestört wurden. In Oberschwabbach erhängte sich der Bauer Johann Schmitt in seiner Holzhalle, in Gollmuthhausen der Bauer Ferdinand Eppler mitten zwischen seinem Vieh im Stalle, der dritte Selbstmord kam an der sächsischen Grenze vor.“

Kurioses hören wir aus dem heutigen Frankreich:

„Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich letzten Montag während eines Gewitters auf dem Artillerie-Schießplatz in Hagenau. Bei den Schießübungen des Feldartillerie-Regiments Nr. 34 war ein Soldat dieses Regimentes dienstlich am Telefon beschäftigt. Während er das Schallrohr ans Ohr hielt, fuhr ein Blitz in die Leitung. Wie die Hagenauer Zeitung meldet, war der Artillerist auf der Stelle tot.“

 

12. Beitrag     Juni 1893

1893 scheint bereits seit April eine Trockenphase standzuhalten. Hat man sich im Frühjahr noch über die früh blühenden Sträucher gefreut, erwähnt die Neckarglocke in den folgenden Wochen z. T. verheerende Brände. Im Juni nun sind offensichtlich die Weiden vertrocknet. Es herrscht Futtermangel. Die Neckarglocke berichtet: „Der Ausfall der Heuernte ist überall ein sehr dürftiger;  das Heugras wird auf den Halm verkauft und werden ganz enorm hohe Preise bezahlt…..Infolge der Futternot sind die Viehpreise in rapider Weise gefallen. Der Antrieb zu den Viehmärkten ist ein so großer, wie noch nie.  Auf dem letzten Mannheimer Viehmarkt waren nicht weniger als 1226 Stück Großvieh aufgetrieben und wurde zu jedem nur möglichen Preise losgeschlagen. In Mössingen wurden schöne Rinder für 20 – 30 Mark verkauft. In Tauberbischofsheim musste eine frischmelkende Kuh samt Kalb für 32 Mark losgeschlagen werden. Das unter diesen Verhältnissen sehr viele Landwirte selbst schlachten, ist natürlich, dabei finden sie immer noch eher die Rechnung. 

„Heidelberg, 21. Juni. Im Neckarbette, etwa in der Höhe der Hirschgasse, sind mehrere Steine zu Tage getreten, die den niedrigen Wasserstand von 1558, 1776 und 1842 durch die betreffend eingemeißelte Jahreszahl angeben. Das Andenken an den ganz außerordentlich niedrigen Wasserstand diese Jahres soll in der gleichen Weise verewigt werden.“

11. Beitrag  17. Juni 1893

„Besigheim: Die Amstvergleichstaxe pro 1. Febr. 1893-94 ist folgendermaßen reguliert:

  1. Quartier-Taxen: Für ein Mann, vom Lieutenant abwärts (Fähnriche und Offiziersburschen werden zur Mannschaft gerechnet) mit Hausmannskost pro Tag 1 Mark 40 Pfennige, welche sich folgendermaßen teilen:

Über Mittag – 80 Pfg.

Über Nacht – 40 Pfg.

Frühstück – 20 Pfg.

Bei Einquartierung mit verstärktem Nachtessen darf die volle Taxe von einem Tag in Anrechnung gebracht werden.“

„Paris:  12 Juni. Ganz Paris ist in Aufregung durch einen schauervollen Mord, der sich in Lavillette zutrug. Der Buchmacher Lestevaur lockte ein anständiges junges Mädchen in sein Zimmer, wo er es zu misshandeln versuchte. Obwohl er der Überfallenen dabei eine schwere Verwundung beibrachte und zwei Zähne ausschlug, wehrt sie sich verzweifelt, gab auch nicht nach, als er sie mit einem Revolver bedrohte. Lestevaur feuerte dann drei Schüsse auf das Mädchen und warf es aus dem Fenster. Trotz des tiefen Sturzes vom dritten Stock und der Schusswunden war das Mädchen noch am Leben und konnte über den Vorfall aussagen. Lestevaur wehrte sich, als Polizei und Hausbewohner in sein Zimmer eindrangen, wurde aber überwältigt und von Frauen furchtbar misshandelt, deren Wut man ihn nur mit Mühe entriss. Der Verbrecher hatte sich schon zweimal wegen Mordes von Frauenzimmern durch Fenstersturz vor Gericht verantworten müssen, behauptete jedoch immer, sie hätten sich selbst hinausgestürzt, und er wurde in beiden Fällen freigesprochen.

 

10. Beitrag Juni 1893

Soviel zum Thema Datenschutz im 19. Jahrhundert:

„Heilbronn: Oberbürgermeister Hegelmaier ist heute von Illenau wieder hierher zurückgekehrt, nachdem die Beobachtung seines Geisteszustandes in der dortigen Irrenheilanstalt ihr Ende erreicht hat. Die Beobachtung fand durch zwei Irrenärzte in der sorgfältigsten Weise statt und wurden insbesondere auch eingehende  Erhebungen durch Vernehmung der Familienmitglieder, des langjährigen Hausarztes u. s. w. vorgenommen. Das durch die Irrenanstalt erstellte Gutachten gelangt zu dem Ergebnis, dass H. vollständig gesund ist und es auch früher immer war, während das k. Medizinalkollegium bekanntlich ihn für „unheilbar geisteskrank“ erklärt hatte.“

 „Wieder ist in Lodz eine Engelmacherin verhaftet worden. Es ist dies eine 43 Jahre alte Lumpensammlerin namens Josefa Wilczynska. Dieselbe hatte als „Wohnung“ einen mehr mit dem Namen Loch als Kammer zu bezeichnenden Raum inne, in welchem sie in einer einzigen, furchtbar verschmutzten Wiege fortwährend vier und noch mehr Säuglinge „beherbergte“.  Als Pflegemutter war sie bei ihnen in der Art tätig, dass sie die armen Kinder früh morgens vor ihren Geschäftsgängen mit Schnaps und Mohnaufguss „stillte“, damit die Nachbarn durch Kindergeschrei nicht gestört wurden. Infolge einer Anzeige wurde eine unerwartete Durchsuchung veranlasst. Man fand in der Wiege vier zu Skeletten abgemagerte kleine Kinder, von denen am nächsten Tag bereits eines fehlte; es war als Leiche hinter einem Dachbalken versteckt worden. Die sofort in Haft genommene  Wilczynska gestand, ein erst kürzlich gestorbenes Kind an einer gewissen Stelle im Stadtwalde begraben zu haben, wo die Leiche auch von der an Ort und Stelle erschienenen Gerichtskommission gefunden wurde“.

9. Beitrag    27. Mai 1893

Auch in dieser Woche berichtet die Neckar-Glocke über kleines und großes Leid

 „24. Mai. In der Nacht von Pfingstmontag auf Dienstag sind dem Friedrich Winkler in seinem Garten 30 Stück 4 – 5jährige Obstbäumchen von böser Hand abgebrochen worden, ferner wurde ein Beet Salat völlig geleert und gestohlen, ein Beet Zwiebel und ein Beet Karotten herausgegriffen und liegen gelassen. Bis jetzt ist man leider dem Thäter noch nicht auf der Spur“

 „Ein fünffacher Mord und Selbstmord wurde am 22. D. Mts. in Paris begangen. Der Weinschänker Coupe, ein Fünfziger, betrieb seit elf Jahren in der Rue Glaciére sein Geschäft, da in letzter Zeit infolge wahnwitziger Wetten Coupe´s sehr zurückging. Er war verstimmt und äußerte wiederholt, er werde eher seinem Leben ein Ende machen, als seinen geschäftlichen Verpflichtungen nicht nachkommen. Heute früh war der Laden um acht Uhr noch geschlossen und der Hausmeister pochte besorgt an die Fenster der nach dem Hofe gehenden Wohnung. Er erhielt keine Antwort. Einige Minuten darauf knallten mehrere Schüsse. Die Polizei wurde schleunigst benachrichtigt und die Thür durch einen Schlosser geöffnet. Im Augenblicke aber, da der Kommissär eindrang, knallte ein neuer Schuß. Coupe hatte sich eine Kugel in den Kopf gejagt, nachdem er vorher die ganze Familie getötet. Seine Frau, der vierzehnjährige Sohn Georg und die zwölfjährige Tochter Albertine waren tot, die siebenjährige Charlotte, sowie Coupe selbst röchelten in einer Blutlache und wurden in hoffnungslosem Zustande ins Spital transportiert. Auf dem Tische fand man ein Testament, woraus hervorgeht, daß die Frau mit der Unthat einverstanden war und zuerst getötet wurde, um die Ermordung der Kinder nicht mit ansehen zu müssen. Ein Betrag von 375 Franken, welcher daneben lag, war für das Begräbnis der Familie bestimmt.“

8. Beitrag    25. Mai 1893

1893 waren weder Antibiotika noch die Pasteurisierung bekannt und so muss die Neckarglocke über folgenden Fall berichten:

„Die Familie eines höheren Offiziers in Potsdam hatte aus einer ihr bisher als zuverlässigen bekannten Molkerei die Milch für ihre im Alter von 2 – 5 Jahren befindlichen Kinder bezogen. Dieselben erkrankten plötzlich in der heftigsten Weise an der Maul- und Klauenseuche. Es zeigten sich Geschwüre an den Füßen, Händen und Beinen; auch die Gesichter blieben nicht frei. Was das Archiv für animalische Nahrungsmittelkunde berichtet, war die Ansteckung eine äußerst schwere, und Monate vergingen, ehe die Kinder geheilt wurden.“

Aus dem fernen Osten erreicht uns folgende Nachricht:

„Dem Hongkong Kurier zufolge steckte in Kamly (?) eine Räuberbande während einer Festlichkeit drei große Theaterpavilions, worin 3000 Personen sich befanden, in Brand. Die Gebäude brachen zusammen, zahllose Zuschauer unter den Trümmern begrabend. Eine andere Räuberbande steckte gleichzeitig die Stadt an; 2000 Personen sind umgekommen. Die Räuber schleppten 30 – 40 Frauen fort.“

 

7. Beitrag  16.Mai 1893 

„Aus New-York wird gemeldet: Der Dampfkessel des Passagierdampfers Ohio auf dem Mississippiflusse ist in die Luft geflogen; 26 Passagiere wurden getötet, ein Heizer und 5 Matrosen sind lebendig verbrannt, außerdem sind 20 Neger tot; 16 Passagiere sind schwer verletzt. 

Nicht ganz klar ist, ob folgende Meldung der Wahrheit entspricht:

„Ein Bürger von Titusville (Pennsylvanien) tötete sich vor einigen Tagen, weil er der melancholischen Überzeugung war, sein eigener Großvater zu sein. Er hinterließ einen Brief folgenden Inhalts:

„Ich heiratete eine Witwe, die eine erwachsene Tochter hatte. Mein Vater besuchte uns sehr oft, verliebte sich in meine Stieftochter und heiratete sie. So wurde mein Vater mein Schwiegersohn und meine Stieftochter meine Mutter. Nach einem  Jahr bekam meine Frau einen Sohn, dieser wurde somit meines Vaters Schwager und mein Onkel, denn er war der Bruder meiner Stiefmutter. Meines Vaters Frau- d. h. meine Stieftochter – bekam auch einen Sohn. Er war natürlich mein Bruder und gleichzeitig mein Enkel, denn er war der Sohn meiner Tochter. Meine Frau war nun meine Großmutter, denn sie war meiner Stiefmutter Mutter. Ich war also meiner Frau Mann und gleichzeitig ihr Enkelkind. Da nun der Mann meiner Großmutter – Großvater heißt – war ich mein eigener Großvater.“

6. Beitrag 09. Mai 1893

„Saint Etienne, 4. Mai. Die Polizei entdeckte dieser Tage eine seit 25 Jahren an niedriger Stelle ohne Luft und Licht heimlich gefangen gehaltene  43jährige Tochter eines 73jährigen, wohlhabenden Grundbesitzers. Die Eingesperrte lag nackt auf bloßer Erde, unfähig aufzustehen, sie war vollständig kindisch geworden, stieß unartikulierte Laute aus und war mit Schmutzgeschwüren bedeckt. Der Vater hatte gelegentlich einer Krankheit des damals 18jährigen Mädchens die Todesanzeige gemacht.

Berlin: „Ein Arzt feuerte gestern zwei Schüsse auf einen Patienten ab, weil derselbe das Sprechzimmer verlassen wollte, um einen anderen Arzt zu konsultieren. Der Patient wurde an der Kinnbacke verletzt. Der schnell ernüchterte Arzt legte selbst den ersten Verband an.

Unterland: Aus Heilbronn, Bietigheim, Lauffen und vielen andern Gemeinden wird von schweren Frostschäden berichtet. Durch das ungewöhnlich warme Frühjahr (siehe Beitrag vom 08. April) war die Blüte schon weit fortgeschritten und der Anfang Mai einbrechende Frost gefährdet die Wein- und Obsternte in der ganzen Region.

 

5. Beitrag  02. Mai 1893

„Grafenau, 28. April. Ein hiesiger Schneider schnitt einem jungen Mann, der die ihm gelieferten Kleider nicht zahlen wollte, mit der Schere ein tellergroßes Stück aus dem Knieteil der neuen Hose und erklärte sich damit bezahlt.“

Westpreußen:

„Das Opfer einer unsinnigen Wette ist ein Kürassier in Riesenburg geworden. Er hatte mit acht Kameraden gewettet, zwei Liter gewöhnlichen Kornbranntweins trinken zu können. Noch hatte er die Menge nicht ganz ausgetrunken, als er umsank und kurz darauf am Lungenschlag starb. Gegen die bei der Wette beteiligten acht Kürassiere ist Untersuchung eingeleitet worden.

München, 27. April:

„Das Befinden des Königs Otto, der heute 45 Jahre alt ist, hat sich nach keiner Richtung hin geändert. Es wechselt oft lange andauernde Narrheit mit Phasen heftiger Erregung.  Lichte Momente sollen ab und zu, allerdings nur selten zu beobachten sein, und blitzartig kurze Dauer haben.

 

 

4. Beitrag 15. April 1893

Ludwigsburg:

„Der König ist mit der königlichen Familie heute abend hier eingetroffen und hat in Marienwahl Wohnung genommen. Wie früher gemeldet, findet nächsten Sonntag die Konfirmation I. K. H. der Prinzessin Pauline in der hiesigen Garnisonskirche statt.“

Saarburg:

„Ein französischer Artillerie-Kapitän war heute in voller Uniform über die Grenze gekommen um in Deutschland mit dem ersten anzutreffenden General zu verhandeln. Er wollte diesem seinen Plan vortragen, alle Völkerschaften, welche den alten lateinischen Geschlechtern entstammten, wozu er auch die Elsaß-Lothringer rechnete, unter ein Reich zu bringen. Ein anderes Reich sollte das germanische sein und Deutschland sollte Holland, das belgische Flamland, England u. s. w. erhalten, und was der gleichen Konfusionen mehr sind. Hier angekommen, wurde der Kapitän vor den Kreisdirektor geführt, der dann bald erkannte, dass man es mit einem Geisteskranken zu tun hatte. Er wurde nach Frankreich zurückgebracht.“

Wenn das 40 Jahr später auch mal so einfach gewesen wäre…..

Russland:

„Fürchterliche Hungersnot wütet im russischen Gouvernement Perin. Täglich werden hunderte von Opfern hinweggerafft. In einigen Dörfern bleiben die Toten unbegraben, da die Hinterbliebenen zu entkräftet sind, um sie zu beerdigen.“

 

 

3. Beitrag 08.April 1893

Heilbronn :

„Die abnorm warme Witterung der letzten Tage hat bereits jetzt Erscheinungen gezeitigt, die man sonst erst im Mai zu sehen gewohnt ist. Nicht nur tragen viele Gesträuche schon grünen Blätterschmuck, auch die Obstbäume zeigen sich in jungfräulicher weißer Blüte. Hoffentlich kommt der hinkende Bote nicht nach und vernichtet mit rauher Hand die eben ersprossenen zarten Keime“

Rommelshausen:

„Von der Schafherde eines hier übernachtenden Schäfers waren morgens mehrere Tiere verendet. Die tierärztliche Untersuchung ergab, dass dieselben auf einer mit frischem Kunstdünger bestreuten Wiese geweidet und hierdurch schädliche Stoffe in den Magen bekommen hatten. Da in gegenwärtiger Zeit so viel künstlicher Dünger angewendet wird, so ist dieser Fall für die Schäfer gewiss eine Mahnung zur Vorsicht.“

Pristina:

Die „Türkische Korrespondenz“ berichtet über eine zufällige Entdeckung. „Im 15. Regiment diente ein junges Mädchen namens Hanko seit dreieinhalb Jahren unter dem Namen ihres Bruders Ali Redscheb und zeichnete sich durch besonders gute Führung aus. Über den im türkischen Heer unerhörten Fall, dass eine „Hanum“, eine Frauensperson, Jahre lang unverschleiert mit Männern zusammengehaust hatte, wurde an den Sultan berichtet. Als dieser erfuhr, dass das junge Mädchen den kühnen Schritt gewagt hatte, um ihren Bruder, die einzige Stütze ihrer Mutter, vom Militärdienst freizuhalten, verlieh er ihr den Schesekat-Orden 3. Klasse.“

 

2. Beitrag  -  1. April 1893

Die erste offizielle Ausgabe der Neckar-Glocke erscheint. „Zwei Freunde“ widmen dieser Ausgabe ein wunderbares Gedicht, von dem hier aber nur eine gekürzte Fassung wiedergegeben werden soll.

 

Für Wahrheit und für Recht musst in die Schranken treten,

Nicht dulden, was gemein dagegen strebt;

Dem Unterdrückten sollst Du Rächer werden,

Den Dränger geißeln, dass er vor Dir bebt.

Der Wissenschaft und Kunst lass offen Deine Spalten;

Der Landwirtschaft nimm treulich Deiner an:

Dann wird Dein Aufblüh´n herrlich sich entfalten,

Und freuen wird sich G´werbs- und Bauersmann.

Doch wehe Dir, wenn Du beherrscht vom Golde

Dich leiten lässt in eine falsche Bahn.

Und leben wolltest vom Tyrannensolde –

Dann, Neckarglocke, ist´s um Dich getan.

 

Württemberg:

„Die Zeitschrift für „Freiwillige Gerichtsbarkeit“ bespricht in ihrem neuesten Monatsheft einen Fall, der für die Jägerkreise von Interesse sein dürfte. Ein Jäger hat während der Schonzeit zwei Schüsse auf eine Rehgeiß abgefeuert, so dass dieselbe zwar nicht erlegt wurde, aber doch, wie zwei Zeugen bestätigen, offenbar getroffen, schreiend davonlief. Der Jäger wurde hierfür vom Schöffengericht zu 40 Mark Geldstrafe verurteilt. Das Landgericht, vor welches die Sache in der Berufungsinstanz gelangte, hob jedoch das Urteil auf und sprach den Angeklagten frei. Auf Grundlage der Reichsverordnung vom 30.Juli 1886, wonach „in der Hegezeit Wild weder gefangen noch erlegt werden darf“, der Versuch also nicht der Strafe verfallen sei.“

 

Mannheim:

„Herr Fabrikant Heinrich Lanz, der vor Jahren schon ein größeres Kapital für eine Beamten- und Werksmeisterkasse stiftete, hat in jüngster Zeit auch seine Mitarbeiter bedacht. Soweit man bis jetzt erfahren konnte, ist denjenigen Arbeitern, welche mindestens vier Jahre im Geschäft tätig sind, auch dann ihr volles Krankengeld gesichert und zwar für die volle Dauer einer Krankheit, wenn die Fabrikantenkasse ausgesteuert hat. Für Arbeiter, welche 10 und mehr Jahre in der Fabrik beschäftigt sind, tritt für sie und ihre Hinterbliebenen im Falle der Arbeitsunfähigkeit oder des Ablebens eine, sich von Jahr zu Jahr steigernde, Pension in Kraft.“

 

Ausland:

„Ein Erdbeben hat Malatia und Mesopotamien zerstört. Von 10574 Häusern sind 2895 vollständig und 5690 größtenteils zerstört; 1900 sind unbewohnbar, 123 Großmagazine und sämtliche Waren sind vollständig, 800 teilweise ein Trümmerhaufen. Sämtliche Moscheen, Kirchen, Schulen und Staatsbauten sind zerstört. 130 Personen sind tot, 57 verwundet.“

 

Aus Tomsk (Russland) wird über eine furchtbare Tragödie berichtet. „300 Sträflinge, die sich auf dem Marsche nach Ihrem Bestimmungsort befanden, empörten sich gegen Ihre Aufseher. 5 Sträflingen gelang es, sich ihrer Fesseln zu entledigen und sich der Waffen eines Kerkermeisters zu bemächtigen. Es entstand ein schrecklicher Revolver- und Messerkampf. Acht Aufseher wurden getötet. Von den Gefangenen fielen 40. Alle anderen wurden wie Tiere gebunden und bis aufs Blut gepeitscht. Am Bestimmungsort langte nur die Hälfte der Sträflinge an; die andere Hälfte war infolge der ausgestandenen Leiden auf der Landstraße liegen geblieben.“

 

1. Beitrag

Im März 1893 erscheinen insgesamt vier Probeblätter des Lauffener Amtsblattes „Neckar-Glocke“.

Ein Abonnement kostet vierteljährlich 90 Pfennige (samt Trägerlohn).

Gleichzeit gibt Christian Pfund die Geschäftseröffnung seiner Buchdruckerei bekannt und sucht auch gleich mit folgenden Worten einen Auszubildenden:

„Lehrlings-Gesuch. Ein ordentlicher junger Mensch, welcher Lust hat, die Buchdruckerei zu erlernen, findet unter günstigen Bedingungen eine Lehrstelle in der Druckerei der Neckarglocke.“

In Berlin schlägt man sich indes mit schwerwiegenderen Problemen.

„Scipio und Goldschmidt beantragen die Einsetzung einer Behörde, welche über die Zolltarifsätze, zu denen bestimmte Artikel in Deutschland zugelassen werden, Auskunft zu geben hätte. Auslöser ist die Erschwerung des badisch-schweizerischen Grenzverkehrs durch einen Handelsvertrag.“

2018 ist diese Behörde immerhin schon in Betrieb. Fundierte Auskunft bekommt man trotzdem nicht.

„Die Militärkommission beantragt die Festsetzung der Friedenspräsenzstärke auf 462 000 statt 492 068 Mann festzulegen. Die Fußtruppen sollen zwei Jahre bei der Fahne dienen und fünf Jahre der Reserve angehören. Anstatt 477 Eskadrons sollen 465, anstatt 37 Battaillone Feldartillerie deren 31, anstatt 24 Bataillone Pioniere deren 20 eingesetzt werden. Im Laufe der Debatte erklärt der Reichskanzler den Antrag als unannehmbar. Er erhalte zwar eine Anerkennung des Grundgedankens der Regierung, genüge aber den militärischen Anforderungen nicht.“

Auch aus Ulm wird berichtet:

„Am 16 März 1893 erhielt Feldwebel Schaitenberger der 11. Kompagnie des 6. Infanterieregiments Nr. 124 wegen tätlicher Bedrohung eines Soldaten  - ausgeführt mit dem gezückten Säbel – fünf Wochen gelinden Arrest.“